Audur Jónsdóttir: Wege, die das Leben geht

„Nun verlass doch endlich diesen Mann.“ – „Tu mir den Gefallen und nimm irgendwas anderes zu dir als nur dieses Hurenfrühstück (Kaffee und Zigarette, Anm. der Leserin)!“ – „Ich wünschte mir, du würdest etwas anderes mit deinem Leben anfangen, als zu qualmen wie eine abgehalfterte Seemannsbraut.“ – Das sind so Sätze, die Eyja von ihrer Oma zu hören bekommt. Und irgendwie hatte sie recht. Eyjas Mann war versoffen, arbeitsscheu und hätte vom Alter her ihr Vater sein können.
Eyjas Mutter und beste Freundin Runa machen den Vorschlag, mit Rúna nach Schweden zu reisen. Oma schenkt ihr sogar das Geld dafür und wenn sie es nicht für sich selbst tun will, dann doch für ihren Roman.
Eyja ziert sich ein bisschen. Was soll aus ihrem Mann werden? Wer sorgt für ihn? Doch diesmal lässt sie sich schnell von den drei Frauen überreden.

Ja, Eyja will einen Roman schreiben. Bisher hat es nur für eine Kolumne gereicht. Auch ihre Mutter hat für die Zeitung geschrieben. Bis Eyja kam. „Eyja hatte ihre Mutter umgebracht…“ Ihre Mutter hat gut geschrieben:

„Diese vergilbten Kolumnen waren wie eine echte italienische Pizza: knusprig und frisch. Jedes Wort war saftig, aromatisch und irgendwie genau deshalb an der richtigen Stelle, weil es an der falschen stand – so wie die Menschen in Mamas Zeichnungen durch ihre schiefen Proportionen genau richtig getroffen waren.“

Einige Wochen nach Eyjas erster Kolumne erfuhr sie, dass ihre Mutter aufgehört hat, für die Zeitung zu schreiben. Jahre später wurde Eyja klar, „dass sie nie eine so knusprige Pizza backen könnte wie ihre Mutter…“.

Eyja konnte ihrem Mann Garri noch gar nicht richtig klarmachen, dass sie für längere Zeit verreisen würde. Als sie mit ihm darüber sprach, war er zu besoffen. Und nun überraschte er sie, ihre Mutter, Rúna und eine frühere Freundin dabei, wie die Frauen die verdreckte Wohnung auf Vordermann bringen, da Eyja das Mietverhältnis gekündigt hatte. Die Miete war eh schon zwei Monate nicht bezahlt worden und wurde nun mit der Kaution verrechnet.
Rechnen musste Eyja während ihrer Ehe immer, Garri brachte alles Geld in die Kneipe. Selbst das, was Eyja sich mühevoll zusammensparte. Wenn sie drohte, ihn zu verlassen, begann er eine Therapie, die er nach ein paar Tagen wieder abbrach. Oder er verlegte sich aufs Heulen und drohte mit Selbstmord. Was hielt Eyja bei ihm?

„Er brachte ihr morgens Kaffee. Und er motivierte sie zum Schreiben, weil er wusste, wie es war, wenn man von der Welt in Frieden gelassen werden wollte. Er tröstete sie, wenn niemand anderes es tat.“

Aber machte das alles wett? Dass sie durch seine Trinkerei ihre Freunde verlor? Dass sie sich mit Geldeintreibern rumschlagen musste? Dass sie mehrere Jobs machte, damit wenigstens ein bisschen Geld reinkam? Ihre Schecks platzten. Selbst die Katze war am Verhungern.

Und dann verabschiedet sie sich von Garri. Und verrspricht ihm, wiederzukommen. Oder war sie gerade dabei, ihn zu verlassen? Sie tat doch nur so, oder? Was geschieht in Schweden? Schafft sie es, ihren Roman zu schreiben? Lies selbst…

Aber ich sage Dir gleich, es ist ein schwieriges Lesen. Nicht, weil das Buch zu anspruchsvoll wäre, nein. Diese vielen Sprünge zwischen heute und gestern, ja sogar morgen, sind nicht ganz leicht. Irgendwie stellt sich kein schöner Lesefluss ein.
Und trotzdem hat es Spaß gemacht, Eyjas Erinnerungen zu folgen. Sie hat es wahrlich nicht leicht gehabt. Trotzdem hat sie sich einen Humor bewahrt, der mich oft lächeln ließ.
Ich wäre gerne näher auf Garris Alkoholkrankheit oder überhaupt den Alkoholkonsum in dieser Geschichte eingegangen, aber das wäre für mich aufgrund von persönlichen Familienerfahrungen zu emotional geworden.

Einige Buchtitel und AutorInnen wurden in diesem Buch benannt, die ich Dir nicht vorenthalten möchte:

Àsta Sigurdóttir
Der Meister und Margarita
Der Tod in Venedig
Die Brüder Karamasow
Die Verschwörung der Idioten
Don Quijote
Dostojewski: Der Idiot
ein Buch über van Gogh
Enid Blyton: Fünf Freunde
Fay Weldon
Halldór Laxness‘ Salka Valka
Harry Potter
Hemingway: Fest fürs Leben
Isabel Allende: Von Liebe und Schatten
Kafka
Madame Bovary
Marilyn French
Milan Kundera
Paul Auster
Régine Deforges: „Betty Blue“, „Das blaue Fahrrad“
Ulysses von James Joyce

Zitat zum Wochenende

Es wird Sie begeistern zu erfahren (von mir, die ich Romane hasse!), daß ich mich endlich an Jane Austen gemacht habe und über »Stolz und Vorurteil« ganz aus dem Häuschen geraten bin, über ein Buch, das ich nicht zur Bücherei zurückbringen kann, ehe Sie ein Exemplar für mich aufgetrieben haben.
Helene Hanff

Aus: Charing Cross Road

Dirk Hempel, Frauke Reinke-Wöhl: „Wie eine Schädeldecke“ – Walter Kempowskis Haus Kreienhoop

Inhalt
Eigenes Kunstwerk, Sinnbild eines literarischen Programms und „freiwilliges Gefängnis“: Walter Kempowskis Haus Kreienhoop war weit mehr als bloßer Arbeits- und Wohnort. Mit seinem selbst entworfenen Anwesen in dem kleinen Dorf Naturm in der Nähe von Bremen erfüllte sich der Autor großangelegter literarischer Collagen einen Lebenstraum. Zu einer „Schädeldecke“ sollte das Haus mit seinen Archivanbauten wachsen und durch die fast schon legendären Literaturseminare zu einem Ort der literarischen Begegnung werden.
Wie sehr Haus Kreienhoop aber auch selbst Teil der Literatur Kempowskis wurde, beschreibt sein langjähriger Mitarbeiter Dirk Hempel in diesem Bildband. Mehr als 100 Fotos von Frauke Reinke-Wöhl zeigen die ungewöhnlichen Räume, die „Omastube“ wie den „Turm“. Die Aufnahmen entstanden bei vielen Besuchen im Haus Kreienhoop, das Walter und Hildegard Kempowski bereitwillig für die Kamera öffneten.

Buchbeginn
Vom ersten Tag an fühlte ich mich im Haus der Kempowskis in Nartum willkommen. Schnell wurden die anfangs sporadischen Besuche mit meiner Kamera in einem festen wöchentlichen Termin. Die gemeinsame Teestube am frühen Nachmittag mit Walter Kempowski und seinem Mitarbeiter Dirk Hempel gehörte zum geregelten Tagesablauf im Hause Kreienhoop. Die Stimmung des Hausherrn konnte noch gehoben werden, wenn die Besucher selbst gebackenen Kuchen dazu beisteuerten. Man nutzte die Teestube zum Plaudern, sie diente aber auch zur Planung von aktuellen Vorhaben und Projekten. Danach wurde konzentriert weitergearbeitet. Herr Kempowski zog sich zurück in sein Arbeitskabinett – wo er sich nur in dringenden Fällen stören ließ – und ich ging ganz allein und unbehelligt mit meinen Kameras auf Motivsuche im weitläufigen Haus und Garten…


„Wie eine Schädeldecke“ – Walter Kempowskis Haus Kreienhoop von Dirk Hempel und Frauke Reinke-Wöhl (Fotografin) ist das nächste Buch in meinem Kempowski-Projekt. Von Dirk Hempel habe ich schon die wundervolle Biografie über Walter Kempowski vorgestellt: Dirk Hempel: Walter Kempowski – Eine bürgerliche Biographie

Im jetzigen Buch stellt er uns gemeinsam mit Frauke Reinke-Wöhl Haus Kreienhoop vor. Kempowskis literarisches Refugium. Das er schon begann zu planen, als er in Bautzen einsaß. Es wurde nach und nach errichtet und von seinen Einkünften als Schriftsteller finanziert. Laut Hempel hatte Kempowski Spaß daran, den beiden sein Haus und die Schränke zu öffnen, sich in Pose zu setzen.

Die Fotografin Frauke Reinke-Wöhl fühlte sich willkommen bei den Kempowskis. Bei den frühnachmittäglichen Teestunden wurde geplaudert oder man plante die Arbeit. Wenn Walter Kempowski Lust hatte, bot er selbst an, sich fotografieren zu lassen: So, jetzt machen wir mal ein paar richtige Dichter- und Denkerbilder, wie sich das gehört natürlich in Schwarz-Weiß. Eine sehr schöne Fotoserie mit dramatischen Helldunkel-Kontrasten entstand auf diese Weise. Sie durfte ihm einfach folgen und beim Lesen, Signieren, im Turm oder am Flügel fotografieren.

Kempowski lebte nicht nur im Haus Kreienhoop bei Nartum. Das Haus selbst ist zur Literatur geworden durch die Schilderung im Roman Hundstage, ja auch in den Tagebüchern Sirius, Alkor, Hamit und Somnia. Auch heute noch finden hier Hausführungen, Tagungen, Konzerte und Lesungen statt. Das literarische Erbe wird von einer Stiftung bewahrt.

Schon wenige Tage nach Bautzen begann er mit der Arbeit an den Romanen, die sich dann zur neunteiligen Deutschen Chronik entwickelten. Er sammelte auch schon Tagebücher, Briefe und Fotos, die zur Grundlage für sein Echolot wurden.

In dem berühmten, zweiundzwanzig Meter langen Büchergang stehen 10.000 Bücher plus einer Videosammlung historischer Spielfilme.

So wie das schriftstellerische Werk wuchs, so wuchs auch das Haus: 700 Quadratmeter Wohn- und Arbeitsfläche, das Grundstück wuchs durch Landkäufe auf mehr als 3000 Quadratmeter. Das Haus ist erst einmal ein Ort für literarische Requisiten. Hier finden sich viele Dinge, die in seinen Romanen eine Rolle spielten. Am 16. Juni 1997 fand hier das Projekt Bloomsday ’97 statt:

Neunzehn Stunden lang wurde durch 37 Kanäle gezappt, jeweils 10-20 Sekunden Aufenthalt bei jedem Kanal. Der Videorekorder zeichnete alles auf. Ein griechisches Restaurant lieferte das Essen und im Nachbardorf hielt sich für alle Fälle der Hausarzt bereit.

Von 1983 bis 1986 gab es hier Schriftstellertreffen, die Veranstaltung Literatur in Kreienhoop wurde geboren. Die Lyrikerin Barbara Honigmann erinnert sich:

Es begannen also die drei Arbeitstage, mancher würde vielleicht sagen, daß es anstrengend gewesen sei, aber ich habe mich irgendwo die ganze Zeit verwöhnt gefühlt, wie die Stunden da hinflossen mit Vorlesen und Lesen und Reden und Diskutieren und Essen und Sitzen und Quatschen und hinterher ganz spät am Abend noch durchs Dorf gehen. Alles war vorbereitet, keine Hausarbeit, kein Einkaufen, Kochen, Waschen, Bügeln usw. noch nebenbei. Beinahe wie Ferien, drei Tage nur unter Lese- und Schriftmenschen.

Auch Volkshochschulkurse gab es hier. Zum Schluss kam immer das Archiv dran: Sie denken schon, das war’s, und dann kommt es ,dicke‘. Zum Abschied gab es dann auch immer die Aufforderung, ihm Tagebücher und Briefe zu besorgen.

Haus Kreienhoop ist nicht nur Literatur, nein, es beherbergt auch jede Menge Kunst: Gemälde, Skulpturen und vieles mehr.

2004, zum 75. Geburtstag Kempowskis, bedankte sich der damalige Bundespräsident Johannes Rau bei ihm:

Sie haben den Deutschen etwas geschenkt, was wohl kein anderes Volk hat: Ein lesbares Archiv seiner Hoffnungen und Irrtümer, seiner Sehnsüchte und seines Versagens. Dafür sage ich Ihnen heute ganz offiziell als Bundespräsident meinen Dank.

Das Vermächtnis von Walter Kempowski wird heute von der Stiftung Haus Kreienhoop fortgeführt.

Simone Dalbert: Papiergeflüster. Aus dem Leben einer Buchhändlerin

Inhalt
Simone Dalbert plaudert mit viel Humor aus dem persönlichen Nähkästchen und erzählt von unberechenbaren Kunden, Plüsch-Bakterien, Schaufenster-Yoga und bayerischen Mathematikbüchern.

Buchbeginn
Es gibt Tage, da ist es im Laden einfach ruhig. Manchmal ahnt man warum, zum Beispiel wenn es Hunde und Katzen regnet. Da verübelt man den Kunden nicht, dass sie alle lieber anrufen und sich ihr Buch für den nächsten Tag zurücklegen lassen. An anderen Tagen ist es jedoch einfach wie verhext. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, aber es kommt trotzdem niemand…

Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher

Inhalt
Der junge Dichter Hildegunst von Mythenmetz erbt ein makelloses Manuskript, dessen Geheimnis er ergründen möchte. Die Spur weist nach Buchhaim, der Stadt der Träumenden Bücher … Walter Moers entführt uns in das Zauberreich der Literatur wo Bücher nicht nur spannend oder komisch sind, sondern auch in den Wahnsinn treiben oder sogar töten können.

Buchbeginn
Hier fängt die Geschichte an. Sie erzählt, wie ich in den Besitz des ,Blutigen Buches‘ kam und das Orm erwarb. Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln…

Eva Berberich: Die Bücherkatze. Von Menschen, Katzen und Büchern

Inhalt
Die Katze, das unbekannte Wesen. Schnurrt sich durch die Zeiten, weiß von längst verschwundenen Orten und von Menschen, die einst gelebt, geforscht, geschrieben haben.
Keines der geheimnisvollen Geschöpfe, die durch diese Geschichten schleichen, ist wie das andere: berühmte und ganz normale Katzen, wirkliche, geträumte, sichtbare und unsichtbare. Und am nächtlichen Himmel funkelt für den, der Augen hat zu sehen, die wunderbare Sternenkatze…

Buchbeginn
Die Katze, das unbekannte Wesen. Wir glauben alles über sie zu wissen, aber was wissen wir schon! Sie ist vertraut mit Wirklichkeiten, die uns verborgen sind, hinter die wir nie kommen werden. Schnurrt sich durch die Zeiten, weiß von längst vom Erdboden verschwundenen Städten, untergegangenen Kontinenten, von Menschen, die vor uns gelebt haben…

Zitat zum Wochenende

Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (8. Februar 2021)

Ich kannte Karl Lagerfeld Jahrzehnte lang als Modezar, bis ich erst viel später von seiner riesigen privaten Bibliothek erfuhr. Über seine Art zu lesen schrieb Baptiste Giabiconi in seinem Buch Karl und ich. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft:

Wenngleich er aufgrund seines übervollen Terminkalenders nie alle Bücher richtig durchlesen konnte, überflog er doch jedes einzelne an seinem nur für fremde Augen chaotischen Schreibtisch am Quai Voltaire. Sein Vorgehen war: querlesen, beiseitelegen, nächstes Buch querlesen, beiseitelegen. So ging das in einem fort in dem ihm eigenen Tempo. Die Geschwindigkeit, mit der er Buchseiten umblättern konnte, war atemberaubend. Konnte er bei diesem Tempo wirklich den Inhalt eines Buches beurteilen? Er konnte. Jedes Buch war nur eine Erweiterung seines ohnehin schon enormen Wissens. Manchmal hielt er ein paar Sekunden inne, um ein Bild zu fixieren oder sich eine Zeile oder einen Namen einzuprägen, um dann weiter mit unersättlichem Lesehunger Buch um Buch zu verschlingen. Wenn man ihn dabei beobachtete, hätte man meinen können, er leide unter einer Zwangsstörung. Karl sog die Buchseiten förmlich in sich hinein.

James A. Michener: Dresden, Pennsylvania

Lukas Yoder, Schriftsteller von Beruf, hat seinen achten und letzten Roman beendet. Emma, seine Frau, die ihren Karrieretraum aufgegeben hat und als Lehrerin arbeitet, damit Lukas schreiben kann, ist diesmal nicht ganz so euphorisch. Hat er doch in seinem letzten Buch die Ökoschiene betreten.
Lukas ersten vier Bücher floppten, die nächsten drei wurden gefeiert. Wie nehmen seine Fans nun den letzten Band auf?
Emmas Ahnen lebten 1640 in der Pfalz.

Sie wurden von dem religiösen Feuer erfaßt, das ein Jahrhundert zuvor Martin Luther und Huldreich Zwingli entfacht hatten, wurden Wiedertäufer und verkündeten, es sei nicht nur dumm, sondern unbiblisch, Kinder gleich nach der Geburt zu taufen: ‚Erst im Alter von siebzehn oder achtzehn ist ein Menschenkind alt genug, um den Sinn des Christentums zu begreifen. Dann erst kann es sich frei entscheiden und zur Taufe zugelassen werden.‘ Zum Beweis für ihre These führten sie Johannes den Täufer, Christus selbst und den Apostel Paulus an.

Für ihre Lebensweise wurden sie verfolgt und sogar hingerichtet. Auf Einladung des englischen Quäkers William Penn siedelten sie sich 1697 in Pennsylvanien an, wo sie sich in zwei religiöse Sekten spalteten: die Amish und die Mennoniten.
Emma kam aus einer Amishfamilie, Lukas aus einer von Mennoniten.

Herman Zollicoffer war ein stolzer alter Dutchman, dem es wichtig war, daß Sprache und Sitten seiner Leute der Welt korrekt vermittelt wurden.
Und so hat es sich Lukas zur Regel gemacht, das Geschriebene von Herman lesen zu lassen.

Auf der Fahrt zu seiner Farm dachte ich über die heikle Situation nach, in der sich jeder, selbst der erfolgreichste Schriftsteller befindet, der ein Manuskript abgeschlossen zu haben glaubt. Es muß vor dem Urteil einer externen Autorität bestehen, in meinem Fall also vor Zollicoffer. Anschließend wird es vom Lektor auseinandergenommen. Falls es ausgesprochen kontroverse Themen behandelt, werden Juristen es nach eventuell verleumderischen Aussagen durchkämmen. Und zum Schluß muß irgendein Könner der Sprache jeden Satz auf Grammatik und Orthographie überprüfen. Und selbst nach solch aufmerksamer Betreuung kann ein Buch durchfallen, wenn es endlich an die Öffentlichkeit gelangt.

Dresden, Pennsylvania ist für mich echt ein Knaller. Wer sich ein bisschen für die Entstehung eines Buches interessiert, dem kann ich es wärmstens empfehlen.
Die Geschichte wird aus viererlei Sicht erzählt: vom Autor, der Lektorin, dem Kritiker und der Leserin. Alle vier haben ihr eigenes Kapitel.
Sie kennen sich untereinander alle. Besonders interessant ist, wie unterschiedlich sie ein und dieselbe Sache sehen.

Diese Geschichte scheint ein wenig aus der Rolle zu fallen. Michener hat bisher wohl hauptsächlich historische Romane geschrieben, in denen er sich mit einem bestimmten Land oder US-Bundesstaat von den Anfängen bis zur Gegenwart beschäftigt.
Diese Geschichte spielt zwar in Dresden, Pennsylvanien, die wahrscheinlich deutscheste Region Amerikas, und wir lernen einige urige Einwohner dieser Region kennen, aber hauptsächlich handelt das Buch von Büchern, der Literatur, dem Buchwesen. Der Originaltitel „The Novel“ passt daher viel besser zum Buch, als der deutsche Titel.

Das Kapitel über die Lektorin Yvonne Marmelle hat mir sehr gut gefallen. Wir erfahren dort, dass sie schon als kleines Kind Bibliothekarin werden wollte. Das kam durch ihren Onkel Judah, der Bücher liebte, der sie schon frühzeitig an Jugendbücher heranführte, obwohl sie vom Alter her in der Bibliothek eigentlich nur Kinderbücher ausleihen dürfte.
Für Yvonne war es

eine so sensationelle Erfahrung, mit dem Leben anderer Menschen in Berührung zu kommen, daß ich bei der Rückgabe des Buchs die Bibliothekarin fragte: „Ist das alles tatsächlich passiert?“ Und sie hat mir erklärt: „Es ist passiert, aber nur im Kopf der Schriftstellerin. Und natürlich auch in deinem Kopf. Das macht einen Roman aus. Er ist ein Austausch von Träumen.“

Schon in jungen Jahren konnte sie einen guten Roman unterscheiden von einem, der des Lesens nicht wert war. Yvonne wurde zwar nicht Bibliothekarin, dafür aber eine erfolgreiche Lektorin, die allerdings privat nicht viel Glück hatte.

Auch das Kapitel des Kritikers Karl Streibert ist sehr interessant und spannend. Und in dem der Leserin Jane Garland fügt sich dann alles zusammen. Hier treffen wir sie alle wieder und werden sehen, was aus ihnen wird. Wie sich nach Glück und Trauer ihr Leben weiterentwickeln wird.

Zum Schluss möchte ich noch ein Zitat bringen. Es sind Sätze von Leserbriefschreibern an Lukas Yoder, die es fast immer auf die gleiche Weise ausgedrückt haben (mir geht es auch oftmals so, wenn ich ein schönes Buch beende):

Wenn ich mich den letzten Seiten eines Romans von Ihnen nähere, dann empfinde ich ein Gefühl ehrlichen Bedauerns, weil ich merke, daß ich eine Beziehung mit Figuren aufgeben muß, die ich liebgewonnen habe. Und eine Ecke der Welt wieder verlassen muß, wo ich lohnende Wochen und Monate verbracht habe. Ich lese nämlich langsam und gründlich. Wenn die Seiten weniger werden, kommt es mir vor, als ob mir etwas weggenommen würde, etwas Kostbares, das unersetzbar ist.
Vielleicht lachen Sie über das, was ich jetzt sagen möchte, aber wenn ich sehe, wie wenig Seiten mir noch bleiben, rationiere ich sie. Dann erlaube ich mir täglich nur einige wenige Seiten, und wenn die letzte Seite kommt und ich das Buch zuschlage, dann starre ich minutenlang auf die Karte auf dem Vorsatzpapier und bin mir bewußt, daß mich etwas Wertvolles angerührt hat.

Stephan Naumann: Das Werk der Bücher

Die letzten beiden Sätze des Klappentextes haben mich aufhorchen lassen. Liebe ich doch Bücher, in denen es um Bücher, das Lesen oder die Literatur und was sonst noch damit zu tun hat, geht. Aber welche Enttäuschung in der ersten Hälfte des Buches. Beschrieben wird Nathans Weg im Mittelalter von London nach Mainz, auf dem er über Leichen geht. Es ist eine Zeit, in der ich nicht gerne leben würde. Gewalt, Krankheiten, Rechtlosigkeit und die Kirche bestimmen, wo es langgeht. Nathan ist ungefähr zehn Jahre alt, als er sein Ziel Mainz erreicht, um sein teuflisches Werk zu vollbringen.

Und ab hier, der zweiten Hälfte des Buches, wird mein Lieblingsgenre so richtig bedient. Ich lerne Johannes Gutenberg kennen und einen seiner Geldgeber, Johannes Fust und seinen Mitarbeiter Peter Schöffer. Während Fust Nathan als seinen Ziehsohn aufgenommen hat, versucht Gutenberg ihn davon zu überzeugen, dass der Böses im Sinne hat. Doch vergeblich. Sollte Nathan sein teuflisches Werk etwa vollenden können?

Was ich an diesem Buch toll finde, ist die Schreibweise des Autoren. Ich habe hier keine modernen Wörter in der Geschichte gefunden. Es wird auch hauptsächlich erzählt, das, was an wörtlicher Rede da ist, ist in Reimen geschrieben. Stephan Naumann erzählt auch, wie es im Mittelalter zuging, gibt uns Informationen über die großen Städte, durch die Nathan zog.

Alles in allem ein interessantes Buch, das ich jedem, der sich für diese Zeit interessiert, empfehlen kann.